TURBOSTAAT

© Andreas Hornoff // Pressefoto // Klick für Druckauflösung

20 Jahre Turbostaat. Unvorstellbar!

„Rückblickend ist es leider nicht mehr zu beantworten, ob überhaupt jemand von uns zur ersten Probe erschienen wäre, wenn wir damals gewusst hätten, dass das automatisch bedeutet, für die nächsten zwei Jahrzehnte Verpflichtungen zu haben. Wir kommen aus einer Szene, in der sich laufend Bands gegründet und aufgelöst haben, die wenigsten davon hatten länger als ein paar Jahre Bestand. Vielleicht wurde eine Single gemacht, vielleicht eine ganze Platte, aber in der Regel haben sich die Leute dann anderen Dingen zugewandt. Einer neuen, anderen Band, möglicherweise einem DIY-Label oder Fanzine, oder man ist einfach in eine größere Stadt gezogen. Schlussendlich ist in unserem Fall aus solchen Trümmern Turbostaat entstanden.

Der 07.01.1999 war der Tag, an dem wir uns eben dort, in Husum, das erste Mal im Speicher zusammengefunden haben, um in einem abseitigen Raum unterm Dach gemeinsam Musik zu machen, ohne zu wissen, was für einen riesigen Einfluss diese Zusammenkunft für unser Leben haben wird. Wir waren fünf der Übriggebliebenen und geplant war lediglich, dass wir ein bisschen Deutschpunk ballern. Wir wollten gemeinsam etwas erleben, ein paar Shows spielen und mit etwas Glück würde uns jemand dabei zuhören – und verdammt, wir hatten Glück. Es wurde ein x-beliebiges Konzert abgemacht, das Auto beladen und auf der Fahrt irgendein geiles Tape gehört. Und wenn zum Beispiel in Oerlinghausen nur sechs Zahlende waren, dann hat das für uns gar keine Rolle gespielt. Genauso wenig war es wichtig, sein Instrument vernünftig zu beherrschen. Jeder hat so gut gemacht, wie er konnte und wenn es nicht gereicht hat, wurde eben stillschweigend entschieden, dass es sehr wohl reicht. Die ersten beiden Platten, “Flamingo” (2001) und “Schwan” (2003), könnte man im Grunde mit “Ich kann das nicht richtig” und “Das war anders gemeint” charakterisieren und trotzdem (oder gerade deswegen) gefielen dem Einen oder der Anderen diese Platten…

Unser erstes Konzert spielten wir am 08.05.1999 als eine von drei Bands im Husumer Speicher. Die Details um diesen Abend herum sind in unserer Erinnerung etwas neblig und die Eindrücke, wie die Show gewesen ist, unterscheiden sich zum Teil stark. Glücklicherweise führte eine Show bei uns damals oft zu einer weiteren. Regelmäßig kam am Ende eines Abends jemand auf uns zu der sagte, er mache auch irgendwo Konzerte und ob wir nicht dort würden spielen wollen.

Marten war im Besitz eines 8-Spur Tape Recorders, dem Yamaha MT8X, mit dem wir, so gut es eben ging, im Juli 1999 im eigenen Proberaum ein Demo mit fünf Liedern aufnahmen, von denen sich eines, nämlich “18:09 Uhr. Mist, verlaufen”, auch auf “Nachtbrot” wiederfindet. Da Peter damals im Speicher arbeitete, hatten wir Zugang zu einer großen Kiste von Kassetten anderer Bands, die sich über die Jahre erfolglos im Speicher bewarben, die wir dann mit unserem Gerödel überspielten, mit einem Filzstift dick TURBOSTAAT drauf schrieben und für eine Mark verkauften. Wenn “Ahoi”, das letzte Lied unseres Demos, verklang, man das Tape aber weiterlaufen ließ, schwitzte einem kurz darauf irgendeine ambitionierte Blues Band oder ein Singer/Songwriter ins Ohr…“
(Roland „Rolli“ Santos Liner Notes Nachtbrot)

Der Rest ist Geschichte, dauert nun schon 20 ereignisreiche Jahre und ist nachzuvollziehen auf „Nachtbrot“, dem ersten Turbostaat Live-Album Aufgenommen bei drei aufeinanderfolgenden Konzerten im April 2018 im Conne Island in Leipzig. Ihr langjähriger Wegbegleiter und Freund Moses Schneider produzierte das Album. „Nachtbrot“ liefert eine Zusammenfassung der Bandgeschichte, zusammen mit den stets wichtigsten Bandmitgliedern: ihren Fans.
Turbostaat stammen aus einer Szene, in der das Agieren auf Augenhöhe Teil der Definition von Punk ist. Das vorherrschende Gefühl, das die da, die auf der Bühne etwas aufführen, sich nicht als die Stars, als etwas Besseres verstehen, sondern dass das einfach welche von Vielen sind, die ihren Teil zu einer gelebten Gegenkultur beitragen.
So verwundert es weder, dass der Gesang des Publikums fast gleichberechtigt mit der Stimme von Sänger Jan Windmeier auf dem Album zu hören ist, noch dass alle Namen der Konzertbesucher im Conne Island im 60-seitigen Booklet verewigt wurden. Sie sind alle Teil des Ganzen. Wie immer, seit 20 Jahren, verabschiedet sich Jan nach jeder Show mit dem gleichen Satz: „Danke euch, dass wir das hier machen dürfen“.

Turbostaat sind und werden immer sein: Marten, Rolli, Jan, Tobert und Peter.

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